Das Alleinstellungsmerkmal

• Facettenreich und essenziell bilden Beziehungen einen Dreh- und Angelpunkt in unserem Leben. Familie oder Freunde, Bekannte oder Kollegen, Bettgeschichte oder feste Partnerschaft – Kategorien gibt es viele. Dazu gehören jedoch auch immer Definitionen. Klare Kriterien, die genau abstecken, wer welchen Status hat, was wir füreinander sind und wie viel wir uns bedeuten. Eine Be-Wertung scheint dabei aber besonders über ein Merkmal zu funktionieren: den Ausschluss anderer.

Liebster, Beste, Liebling, Teuerste…

Wenn es um Wertschätzung in zwischenmenschlichen Beziehungen geht, tauchen allzu oft bekannte Phrasen wie „du bist meine beste Freundin“, „so etwas, wie mit dir, habe ich noch nie erlebt“ und „du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben“ auf. All das bedeutet nichts anderes als „du bist in der und der Kategorie ganz oben“. Die Nummer 1, das Beste und Einzig(st)e, die Crème de la Crème. Ein solches Alleinstellungsmerkmal gibt uns ein sicheres Gefühl. Außer Konkurrenz, etwas Besonderes zu sein, einen speziellen Platz im Herzen des anderen zu haben, der nur uns allein gehört (der andere oder der Platz?), fühlt sich erhaben und einfach gut an. Doch was auf den ersten Blick so schön scheint, kann sich als trügerisch entpuppen.

Der Kampf um die soziale Goldmedaille

„Du bist meine Teuerste (Wert!), meine Beste“ und „Du bist nicht mehr nur mein Lieber, sondern mein Liebster, mein Liebling“. Was als sprachliche Liebkosung beginnt, bekommt spätestens dann einen faden Beigeschmack, wenn sich Wertungen ändern und ein Wettbewerb um die teure Gunst entsteht. Wenn wir uns einmal nicht dem verliehenen Titel entsprechend verhalten, nicht der aufopfernde Freund oder die hingebungsvolle Liebhaberin sind und heruntergestuft werden. Oder wenn ungeahnte Kontrahenten auftauchen und den schönen Spitzen-Platz streitig machen. Und schon ist man nicht mehr das Nonplusultra, so ganz unberührt von den anderen. So kann allmählich ein unschöner Konkurrenzdruck einsetzen. Wie sichere ich mir nur die Zuneigung des anderen und damit meinen Sonderstatus? Und plötzlich geht es nicht mehr nur um Liebe und Freundschaft, sondern um Angst – das Bangen um die Vorrangstellung und um die Behauptung im sozialen Kosmos des anderen. Denn wer will schon Zweiter sein?

Nagende Zweifel

„Warum bin ich nicht mehr dein Liebling, bin ich dir denn nicht mehr gut genug, was hat sich geändert?“ Solche Fragen können sich giftig ins Fleisch einer bestehenden Beziehung bohren, die doch so schön unter dem Schutz des Prädikats „exklusiv“ stand. Der Wunsch nach einem besonderen Platz bringt auch die Sorge um den selbigen. Unsicherheiten wachsen und die ständige Überprüfung der eigenen Position wird plötzlich unerlässlich. Und so wird fruchtbare Freundschaft, beflügelte Liebe oder inniges Familienverhältnis unangenehm angespannt und zum anstrengenden Ärgernis. Mehr Qual als Freude – und damit lästig. Und auf einmal nicht mehr das Allerbeste.

Es kann nur einen geben!

Dieses doch sehr polemische Szenario darf nicht vergessen machen, dass diese Superlative Auswirkungen haben können. Man erhöht einen Menschen gegenüber anderen und schließt diese aus. So schmeichelnd es sein mag, der oder die Liebste zu sein, so dumpf schlägt das vorenthaltene Privileg den Nachgereihten ins Gesicht: du ja, du nicht. Kein schönes Gefühl – von mitschwingenden Anforderungen und Erwartungen, die so ein Prädikat mit sich bringt, mal ganz abgesehen.

Schleichende Erpressung

Denn die mehr oder weniger stille Bevorzugung hat auch einen Haken. Da tauchen plötzlich Sätze auf wie: „Wenn du das nicht machst, dann bist du nicht mein bester Freund“. Oder: „Als beste Freundin würdest du jetzt hier bei mir sein“. Statt aus freien Stücken für den Gegenüber da zu sein, gern und vor allem unaufgefordert, sieht man sich nun mit einem imaginären Vertrag und diversen Klauseln konfrontiert, die einen zu freundschaftlichen Handlungen zwingen. Wie viel ist da eine Partnerschaft oder Freundschaft noch wert, wenn sie auf Pflicht beruht und nicht auf Selbstlosigkeit und Sympathie?

Liebe und Luft

Unsere Netzwerke aus verschiedensten (Superlativ!) Menschen sind individuell und vielfältig. Grobe Kategorien beschneiden diese feinsinnigen Beziehungen und Alleinstellungsmerkmale setzten sie unnötig unter Druck. Keine Frage: Dem einen steht man nun einmal näher und dem anderen weniger. Aber muss das zwangsläufig zu einer Abstufung führen? Man sollte doch jede Beziehung für sich genommen schätzen, in all ihrer Einzigartigkeit, statt sie gegeneinander abzuwägen. Damit bleibt auch Raum für zukünftige Entwicklungen – egal welcher Art. Das macht es möglich, diese mit angenehmer Gelassenheit zu erleben und sie atmen zu lassen. Ohne Wertung. Ohne Druck. Und ohne Angst.