Das Spiel und seine Spieler

• Festzustellen wer, wann, warum und wie viel Schuld trägt, ist oft viel diffiziler als es den Anschein macht. Ob bei Unfällen, politischen Angelegenheiten und auch bei persönlichen Konflikten ist die Schuldfrage keine einfache. Ein wachsendes Verständnis für verschiedene Sichtweisen lässt auf beiden Seiten zumindest eine Teilschuld erkennen. Doch was ist mit komplexen Angelegenheiten wie sozialen Missständen oder gesellschaftlichen Problemen? Wer trägt da die Schuld: der Spieler oder das Spiel?

Des Schöpfers Hühner

Diese Frage zieht auch die Frage nach dem Ursprung dieser Probleme mit sich. Probleme wie die Missachtung von Tier- und Menschenrechten, Umweltzerstörung, Armut und soziale Ungerechtigkeit. Die Liste ist lang. Doch wie und wo entstehen diese Ungerechtigkeiten? Vergleichbar mit der Huhn-Ei-Problematik scheint sich die Suche nach der Wurzel allen Übels im Kreis zu drehen. Entstand das problematische System erst mithilfe der Menschen? Sind sie so die verantwortlichen Urheber? Oder werden diese vom bösen Spiel verführt und indirekt zur Beteiligung gezwungen? Ist das problematische Netzwerk ohne seine Mitläufer überhaupt existent? Wie viel Macht hat es über uns und sind wir überhaupt in der Lage es zu steuern? Das von uns erfundene Spiel scheint sich nach gewisser Zeit zu verselbstständigen. Das Machtverhältnis kehrt sich um. Das System wird zum bedrohlichen Selbstläufer und der Schöpfer wird von seiner eigenen Schöpfung versklavt.

Ein Zuviel

Thema Massentierhaltung: Die Fragen, ob Menschen im Zeitalter des Überangebotes überhaupt noch Fleisch essen müssen oder ob die meisten Konsumenten überhaupt ihr eigenes Fleisch selbst erlegen und schlachten könnten (und vor allem würden), sind nur zwei von vielen. Vordergründig geht es aber um das Zuviel an Fleisch, das die Massenproduktion in unsere Kühlregale schwemmt. Die riesige Industriemaschinerie deckt mit der fragwürdigen Massentierhaltung angeblich nur den Bedarf der Konsumenten. Tierschlachtung, Überproduktion, Abfall. Ist all das nun bedingt durch die Fleischindustrie? Oder kann diesem System Einhalt geboten werden, indem Verbraucher Fleischprodukte meiden? So würde die Industrie seine Mitspieler verlieren und damit auch die Nachfrage, die den verschwenderischen Wahnsinn begründen soll. Doch haben die Konsumenten überhaupt so viel Macht? Sollte nicht das System selbst verändert und reglementiert werden? Wer trägt die Verantwortung für ein Fließbandtöten unter widrigsten Bedingungen – Industrie oder Verbraucher?

Ein Zuwenig

Thema Geldwesen: Anfangs vom Menschen als übergeordnetes Tauschmedium begründet, hat es sich verselbstständigt und steht nun als wertendes Phantom auch außerhalb des Finanzmarktes, bemisst Zeit, Menschlichkeit, Arbeitskraft und noch vieles mehr. So entsteht nicht nur Armut von vielen und Wohlstand für wenige, sondern auch ein stark leistungsorientierter Lebensstil, der von Versagens- und Existenzängsten gezeichnet ist. Schlagwörter, wie die große soziale Ungerechtigkeit, Finanzkrise und Managergehälter, erheben den Zeigefinger und schreiben alles der menschlichen Gier zu. Doch sind die Menschen wirklich von Natur aus gierig oder werden sie erst durch das Finanzsystem dazu gemacht? Kann es geändert werden, indem alle die Beteiligung verweigern, oder sollten Gesetze und Regeln mehr Gerechtigkeit schaffen? Wer ist nun für dieses System verantwortlich, unter dem die Menschen doch so offensichtlich leiden – das Geld oder die Kontoinhaber?

Verantwortung

Ganz so einfach wird es wohl nicht sein. Komplexe Sachverhalte bedingen sich oftmals gegenseitig und stehen in Abhängigkeit zueinander. Eine simple Benennung von Urhebern und Schuldigen verschleiert diesen Umstand und das Problem wird dadurch nicht gelöst. Es kommt vor allem auf die Zielsetzung an: Geht es um Lösung des Problems und um Verbesserung der Umstände, oder nur um die Suche nach einem Sündenbock? Natürlich halten die Mitspieler das System am Leben, aber oftmals sind sie davon abhängig. Sind am Ende also doch alle schuld? Was wie eine Verurteilung klingt, kann jedoch zur Chance werden. Je mehr Menschen sich „schuldig“ fühlen, umso größer das Eigenverantwortungsgefühl – und umso größer das Veränderungspotenzial. Die Schuldfrage ist also weniger wichtig als ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. So sieht sich jeder Einzelne letzten Endes doch mit der eigenen Verantwortung konfrontiert. Sie ist greifbar und unmittelbar und damit zum Zweck der Problemlösung die erste, die es zu meistern gilt.

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