Der Kampf um Individualität

• Wenn es darum geht, wer wir sind, wie wir uns sehen oder auch gern sehen würden, kann jede noch so kleine Diskussion zum erbitterten Streit werden lassen. Meist ganz unbewusst führt eine Lappalie zu heftigen Auseinandersetzungen, weil es im Grunde darum geht, wer oder was wir sind: unsere Existenz, unsere Identität. Mit jeder Verhaltensweise geben wir ein Statement über unser Selbst ab. Und weil wir eben diese Aussagen oft ganz unbemerkt auch bei anderen bewerten, sind sie uns selbst so wichtig. Dabei wird die eigene Identität zum Schlachtfeld…

Wir müssen sein

Wir definieren uns über zahlreiche Aspekte: Herkunft, Kleidung, Freunde, Musik, Sexualität – um nur einige wenige zu nennen. Ja selbst, welches Getränk wir an der Bar bestellen, welche Ernährungsethik wir verfolgen, ob wir Kosmetik aus biologischem Anbau bevorzugen, welchen Laptop wir besitzen und, und, und … All das sagt etwas über unsere Person aus. Denn zuvor haben wir mehr oder weniger bewusst diese Entscheidungen getroffen, die uns dann bestimmen, uns determinieren. Mit jeder einzelnen Entscheidung, mit jeder Wahl, oder besser gesagt Wahlpflicht, kommunizieren wir so unsere Persönlichkeit. Denn wer sich weigert, zu wählen, hat ebenfalls eine Wahl getroffen, und auch das sagt etwas über uns aus. Denn: Man kann nicht nicht kommunizieren.

Sicherheitsbedürfnis

Unsere Identität verortet uns in der Welt, weist uns einen Platz zu, verankert uns in unserem eigenen Leben. Sie gibt uns Sicherheit. Unsere Persönlichkeit oder das, wofür wir sie halten, ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens, unserer Selbstverständnisses: Wer bin ich, was will ich, was kann ich, was bin ich und was will ich sein? Wir alle haben eine ungefähre Vorstellung von Antworten auf diese Fragen. Sie ändern sich mit der Zeit, münden aber im Laufe unseres Lebens in ein großes Ganzes – so hoffen wir zumindest.

Konsumierst du noch oder lebst du schon?

Doch woher wissen wir so genau, wer oder was wir eigentlich sind? Und warum sind wir uns dabei so sicher? Oft scheint erst die Wir-Identität die Ich-Identität auszumachen, denn Gleich und Gleich gesellt sich gern. Konsum spielt bei alledem eine wichtige Rolle, denn besonders unsere Kaufentscheidungen formen unser Image. Das führt jedoch über einfache Signale wie Kleidungsstil, Make-up und Frisur weit hinaus. Alles wird zum Statement: der bedruckte Stoffbeutel, das Mate-Szene-Getränke, übergroße Informatiker-Brillen, Festival-Bändchen, wie hoch man die Taille trägt, welche Armbanduhr man hat, mit welchem Rad man fährt, wo man seine Möbel kauft oder in welchem Stadtteil man wohnt. All das wird zur Aussage und teilweise auch zur Gruppenzugehörigkeit. Doch was unter Gleichgesinnten zunächst stark macht, ebnet auch unsere Individualität ein. Der Individualitätszwang, dem letztlich alle unterlegen sind, führt letztlich doch zum verhassten Mainstream.

Alles, nur nicht gewöhnlich

Konkurrenz. So viele Menschen, die uns ähneln, die gleiche Frisur tragen, dieselbe Underground-Band hören, in denselben neuen Club gehen. Wir wollen die Ersten sein, nicht nur die Mitläufer, die bloß aufspringen, weil’s gerade neu und angesagt ist. Wir wollen Vorreiter sein – die Allerersten, die Besten, die Schnellsten. Und plötzlich geht es nicht mehr darum, was wir sind, sondern warum und vor allem wie lange wir schon sind. Denn der andere, der ist sicherlich nur ein Mitläufer, ein elender Trittbrettfahrer. Der versteht doch gar nichts von den Anfängen, denn wir haben das zuerst entdeckt – das, was uns doch zu dem macht, was wir sind. Wir fühlen uns bedroht in unserer Persönlichkeit, in unserer Existenz, weil wir diese auf Dingen aufbauen, die für jeden zugänglich und damit ganz und gar nicht individuell sind.

Ausweg, Lösung, Fluchtweg?

Was unterscheidet uns denn nun wirklich vom Gegenüber? Unser Aussehen? Unsere Lebenserfahrung? Unsere Beziehungen? Oder vielleicht unsere Gene? Ist eine Identitätsfindung abseits von diesen Aspekten überhaupt möglich? Überhaupt sinnvoll, wenn alle anderen doch so weitermachen wie gehabt? Gelassenheit ist da schwer. Wo es doch so wichtig ist, sich zu definieren. Und wo eine Entscheidung gegen diese Individualisierungsprinzipien doch nur wieder eine Aussage im System der Identitäten bedeutet. Nämlich dagegen. Und dagegen zu sein, ist, neben dem drohenden sozialen Freitod, dann wohl doch ein Kreuz, das viel schwerer zu tragen ist, als zunächst gedacht – auf dem Schlachtfeld der Identitäten. Aber: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin? Schöne Utopie.

Ein Kommentar zu “Der Kampf um Individualität

  1. Schöne Kritik an der zunehmenden Individualisierungspflicht (mein Rechtschreibkorrekturprogramm kennt dieses Wort übrigens noch nicht – ganz schön non-konformativ von Ihm). Nur glaube ich nicht, dass es eine external oktroyierte Sache ist, so wie Du/Sie, Frau Geß :) , es darstellst/darstellen. Überleg mal, warum es nicht möglich ist, einfach dieses oder jenes zu tragen, hier oder da zu wohnen, ohne das man sich individualisieren will? Selbst wenn man nicht ständig links und rechts blickt, um zu sehen, ob meine Umwelt auf mich schaut. Warum kann ich nicht einfach meinen pinken Pulli zu meinen Gelben Badeschlappen tragen, wenn ich in der Fußgängerzone mit meinem Holzkohlegrill kleine Pekinesen röste? Wegen den anderen, wegen Dir. Ihr schau und denkt: „Der ist strange“ Du siehst meine Individualisierung für mich, wobei ich sie gar nicht sehen will :) Oder so…

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