Numerischer Horizont

• Ohne Zahlen kommen wir einfach nicht aus. Sie sind überall, umgeben uns, leiten uns und beschränken uns auch. Alles wird durch sie vermessen und eingeteilt: unser Körper, unser Geist und unser Leben. Sie bestimmen, wer wir sind. Doch dabei ist ihr Horizont äußerst begrenzt, denn die Schwarz-Weiß-Diktatur der Zahlen lässt keinen Platz für Grauzonen. Und damit absolut keinen Platz für Menschlichkeit.

Der Körper – ein Zahlen-Konglomerat

Zahlen sind ein weites Feld. Längen- und Streckenmaße, Zeitintervalle und Geldmengen sind nur einige wenige davon. Doch in bestimmten Bereichen unseres Lebens wird ihre Wirkung besonders deutlich: Betrachten wir beispielsweise unseren Körper, der von Zahlen auf vielfältige Weise zerstückelt und kategorisiert wird.

± Attraktivität

Das fängt schon beim Gewicht an: wie viel wir wiegen, zeigt die Ziffer auf der Waage, wie groß wir sind, das Maß am Lineal. Körperumfang und BMI, Konfektions- und Körbchengröße entscheiden über unsere Attraktivität. Zahlen sagen uns, ob wir zu dick oder zu dünn sind, ob wir uns gesund oder ungesund ernähren, ob wir attraktiv sind oder nicht. Einfache Zahlen mit erheblichen Folgen: Diäten, Sport-Exzesse, Fress-Attacken, Ess-Störungen – eine Ziffer als Ziel, als Körperstandard, als Maß vom Begehrens-Wert.

± Reife

Oft entscheidet die Frage nach unserem Alter über Überlegenheit und Machposition. Die Älteren sollen die Erfahreneren sein und erhalten damit mehr Entscheidungsgewalt. Jugend wird oft belächelt und mit Unreife und Naivität gleichgesetzt. Doch wie wir zueinander stehen, entscheiden meist nur wenige Jahre. In jenem Moment, in dem wir vom Gegenüber das Alter erfahren, ändert sich auch unsere Meinung über ihn. Solange wir nicht wissen, wie alt jemand ist, scheint uns die Person nicht greifbar und nur sehr schwierig einzuschätzen.

0-1-Leben

Der Mensch ist eine Nummer. Am deutlichsten wird das Zahlen-Labyrinth in der Bürokratie. Unter dem Deckmantel der Vereinfachung und Praktikabilität werden Individuen in Zahlen verwandelt und können so bequem in Kategorien und Schubladen eingeordnet werden. Egal ob Konto-, Steuer oder Patientennummer – wenn Menschen nur noch Ziffern sind, die von Sachbearbeitern im persönlichen Gespräch viel lieber angestarret werden, als die anwesende Person, geht jede Menschlichkeit verloren. Kein Mensch passt in nur eine Kategorie. Wir sind eine Ansammlung verschiedenster Merkmale und Lebensläufe. Diese machen uns aus, machen uns einmalig und unverwechselbar. Denn Menschen sind nicht einfach nur ein Plus oder ein Minus.

Varianz gleich Null

Wird eine festgelegte Größe um nur einen Zähler über- oder unterschritten, fällt die Einordnung ganz anders aus und der Mensch ist laut Kategorisierung auf einmal ein anderer. Dabei kommt der Verdacht auf, dass all diese Zahlen doch gar nicht stimmen können. Ein paar Beispiele: Augenscheinlich normalgewichtige und völlig gesunde Menschen werden gemäß BMI als übergewichtig eingestuft. Viele Menschen wirken oft viel reifer oder auch jugendlicher als ihr biologisches Alter verraten mag. Und wie aussagekräftig sind einfache Zahlen, wie Zensuren, Bestzeiten oder Gehaltsklassen, die absolut nichts über ihr Zustandekommen verraten?

Macht

Natürlich: Eine weniger grobe Kategorisierung macht Einordnungen schwierig, ja sogar unmöglich. Doch naiv gefragt: Was ist so schlimm daran? An einer feineren Einteilung, gegen menschliche Beschneidung, zugunsten Individualität? Es gibt Menschen, die bei einer solchen Überlegung kopfstehen und im Angesicht der Auflösung geradezu in Panik verfallen. Davon abgesehen, dass uns Zahlen eine gewisse Sicherheit, eine Orientierung vermitteln, bedeuten sie vor allem eines: Macht. Denn durch sie werden wir durchschaubar, vorhersehbar, kontrollierbar. Eine Einordnung über unseren Kopf hinweg macht uns ohnmächtig und verzweifelt – ein Blick auf unser Sozial-System genügt. Und so wird eines deutlich: Es sind nicht die Zahlen, die uns beschneiden. Wir sind es. Wir und unsere Festlegungen über Zahlenbereiche und -kategorien. Also, wer beherrscht nun wen – die Zahlen uns oder wir die Zahlen?

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