Vom glücklich Werden

• So unterschiedlich unsere Lebensziele auch sein mögen, glücklich wollen doch irgendwie alle Menschen werden – irgendwann, irgendwo, mit irgendwem. Da werden Träume geschmiedet, Vorsorgen geplant und scheinbar Unwichtiges beiseitegeschoben. Partnerschaften werden mit Erwartungen überfrachtet und Gegenwärtiges komplett vernachlässigt – alles für die Glücksutopie in ungewisser Zukunft. Da kommt die Frage auf: Lohnt sich das überhaupt?

„Wir wollen zusammen glücklich werden“

Die Partnerschaft ist das Zukunftsmodell schlechthin, denn sie fungiert als Glücksgarant: „Mit dir werde ich glücklich.“ Der stereotype Ewigkeitstraum von morgen heißt Ehe, Kind oder Eigenheim. Das gehört alles zum glücklich Werden. Eine weise Wahl ist da obligatorisch: Partnerwahl nach genauen Vorstellungen und festen Kriterien – mit weniger gibt man sich nicht zufrieden. Und Liebessuchende von heute wissen genau, was sie wollen. Da artet das „Date“ über kurz oder lang zum Einstellungsgespräch aus: Erscheinungsbild, Körpersprache, Konversationsverhalten und Lebenslauf samt Beziehungshistorie werden genau unter die Lupe genommen. Es gilt inständig zu prüfen, ob der oder die BewerberIn wirklich für ein unbefristetes Partnerschaftsverhältnis infrage kommt. „Man kauft ja nicht die Katze im Sack“ – kein Kommentar.

Liebes-Recruiting

Wem die Suche auf eigene Faust zu anstrengend ist, wendet sich an professionelle Fachkräfte. Partnerbörsen – das moderne Assessment-Center der So-gern-Liebe-Wollenden – versprechen, bereits im Vorfeld die Spreu vom Weizen zu trennen und immer auf den neusten Stand zu sein, wer wie hoch im Kurs steht. So sollen weitere unangenehme Begegnungen und unvorhersehbare Enttäuschungen (sogenannte „Desaster-Dates“) vermieden werden. Und das lassen sich die Agenturen, die mit wissenschaftlichen Tests und psychologisch erstellten Profilen Seriosität vorgaukeln, gut bezahlen. Liebe hat seinen Preis – kein Kommentar.

Das Geschäft mit dem Glück

Während die Liebeshungrigen auf der Suche sind, ist Ersatzbefriedigung angesagt. Irgendetwas muss ja die vorhandene Lücke füllen. Und das Angebot ist groß: Urlaubsreisen in ferne Länder, Wellness-Wochenenden für die Work-Life-Balance und sexy Klamotten fürs Ego werben unterschwellig mit Glück in kleinen Dosen. Doch all das ist im Grunde nur Symptomlinderung – Glück mit geplanter Obsoleszenz. So entwickelt der Glückskonsument eine latente Glücksbullimie. Er stopft sich mit allerlei heilsversprechenden Dingen voll, bei denen letztlich nicht viel Glückseligkeit übrig bleibt. Es hilft nicht, also noch mehr rein! Doch wenn da nichts ist, das im Inneren wirklich glücklich macht, helfen auch keine unzähligen Wellness-Behandlungen oder tolle Party-Nächte. Am Ende bleiben dann doch nur Einsamkeit und Traurigkeit.

Sein – werden – geworden!

Glücklich werden. Werden! Das klingt nach Entwicklung, nach Prozess, nach Arbeit. Und vor allem nach „später“. Was ist denn mit jetzt? Warum nur glücklich werden? Wie wäre es denn mal mit glücklich sein? Hedonistisch? Natürlich! Gerade in einer Zeit, in der nicht nur Wohnverhältnisse, Partnerschaften und Arbeitsverträge befristet sind, bleibt doch gar nichts anderes übrig, als auf sofortige Bedürfnisbefriedigung zu setzen. Denn wer weiß schon, was morgen kommt? Ob es überhaupt kommt? Berühmte und auch sehr speckige Sätze wie: „Morgen ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.“ haben da nicht ganz unrecht. Sich um sein eigenes Wohl zu sorgen – und zwar hier und jetzt – ist einfacher, unmittelbarer und liegt vor allem in der Macht eines jeden Einzelnen. Glück ist nicht irgendwann. Glück hält nicht ewig. Glück ist jetzt. Und es wäre das größte Unglück, wenn das einige Menschen erst am Ende ihres Lebens bemerken würden.