Motor der Gesellschaft

• Angst ist ein seltsam universales Gefühl. Einst ein hilfreicher Schutzmechanismus, der uns vor Lebensgefahren bewahren sollte. Heutzutage ist er aber eher ein angreifbares Phantom, das mehr im Weg steht, als uns wirklich zu helfen – besonders bei emotionalen Angelegenheiten. Da zeigt sich die dunkle Angst oftmals erst auf den zweiten Blick, von anderen Motiven und Gefühlen maskiert. So kommt sie nie allein: Meist sieht sie sich in Gesellschaft von anderen Gefühlen, wie Wut, Eifersucht und Verzweiflung. Sogar bei Liebe, Arroganz und Vorurteil lässt sich Angst entdecken. Und so drängt sich eine Frage auf: Ist Angst das Gefühl aller Gefühle, unser ganz eigener Antrieb? Und wie sähe eine Welt ohne sie aus?

Selbstreflexives Schreckgespenst

Gründe, Angst zu haben, gibt es viele. Und meistens sind wir uns zumindest darüber bewusst, dass wir uns fürchten. Richtiggehend Angst einflößend ist allerdings die unbewusste, unentdeckte Furcht. Jene, die zunächst weder begründet noch zielgerichtet erscheint, und sich so künstlich aufbläht, zu einem unwägbaren, wabernden Etwas, das durch seine schiere Vagheit weitere Angst erzeugt. So entsteht Angst aus sich selbst heraus und vermehrt und potenziert sich. Denn gerade die Angst vor der Angst ist furchtbar lähmend: Eine Blockade, die Freundschaften zum Erliegen bringt und Beziehungen zerstört (welch polemisches Wort), uns handlungsunfähig macht und Überreaktionen nach sich zieht.

Gefühlsfasching

Die impulsiven Gefühle, die wie ein falsches Etikett an der Angst kleben, haben oft ganz anderswo ihren Ursprung. Sie verstecken sich nur im Mantel der Furcht. So zeigt sich hinter der Kehle zuschnürenden Eifersucht, eine Verlustangst: Angst, weniger wertgeschätzt zu werden, in der Konkurrenz mit anderen zu stehen und den Gegenüber zu „verlieren“. Vorurteile entspringen aus der Angst vor dem Fremden, vor dem Ungewissen. Wie oft verschleiert Arroganz oder Hochmut nur die persönlichen Unsicherheiten und wie viele Male kaschiert vorgetäuschtes Selbstbewusstsein Selbsthass und -zweifel. Wut, Aggression und Gewalt verstecken die Angst vor der eigenen Schwäche, vor Fehlern und Machtverlust. Alles äußerst unangenehme Gefühlszustände, die viel Mut verlangen, zu zuzugeben – und dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen: Es kostet ungemein viel Überwindungskraft, sich die eigenen Unzulänglichkeiten einzugestehen.

Zähne zeigen – und durchbeißen

Angst kann so durchaus sehr hilfreich sein. Als Spiegel unserer eigenen Emotionen bietet sie Raum für Selbsterfahrung und vor allem Selbsterkenntnis. Wir können viel über uns lernen, wenn wir uns intensiv mit diesem so ungemütlichen Gefühl auseinandersetzen. Wenn wir es schaffen, den anfänglichen Schreck-Impuls auszuhalten, uns trauen, der Furcht entgegenzutreten und ins Gesicht zu schauen, sehen wir uns selbst. So bekommen wir einen Blick in unseres tiefstes Inneres und können uns fragen: Warum habe ich eigentlich Angst? Wovor fürchte ich mich wirklich? Und was ist die Ursache für meine Furcht?

Selbsterkenntnis mit Gruselfaktor

Darf ich vorstellen: Das ist deine Angst. Sie kennt dich besser, als du dich selbst. Fürchte dich nicht vor ihr, denn sie wird dir helfen, dich selbst besser zu verstehen. Wahrlich, die Maskerade ist schwer zu durchschauen und noch schwerer zu durchbrechen – und das Eingeständnis ist noch viel schwerer. Dazu führt sie uns oft zu latent verdrängten und gern vergessenen Leichen im Oberstübchenkeller. Da ein Treffer, dort ein Trauma – ungeahnte Risse in der Psyche, die die eigenen festgefahrenen Verhaltensweisen begründeten und so erklären können. Eine Reise in die eigene Vergangenheit kann Erlebnisse ans Licht bringen, die lieber verborgen geblieben wären. Aber keine Angst: Die Arbeit lohnt sich – und das doppelt. Denn sie kann Lösungsansätze hervorbringen und damit die Möglichkeit, ein besseres Verständnis für uns selbst und für andere Menschen zu entwickeln – und ja – aus uns bessere Menschen zu machen.