Wenn die Schmetterlinge sterben

• Verliebtsein ist eine der schönsten Drogen unserer Zeit. So selten, und auch deswegen so kostbar, entzieht sie sich Markt- und Absatzregeln und ignoriert sowohl die steigende Nachfrage als auch den heutigen Konsumgeist, der uns sofortige Bedürfnisbefriedigung als Selbstverständlichkeit eingeimpft hat. Impulskontrolle haben wir völlig verlernt. Und so leiden wir. Schreckliche Nächte voller unerträglicher Einsamkeit und unsägliche Sehnsüchte rauben uns den Willen, morgens aufzustehen. Und wenn es dann endlich mal so weit ist, und die Welt in einem wattebauschigen Rosarot glitzert, beginnt der panische Konservierungswahn und die Angst vor dem erneuten kalten Entzug.

Der geilste Rausch der Welt

Was für eine Kraft. Das sonst so bemüht für sich behaltene Lächeln drängt hinaus in die Welt. Drängt sich auf, den traurigen Gesichtern zum Trotz. Unbändige und scheinbar endlose Energie überschwemmt Körper und Geist. Farben leuchten, Düfte strömen und auf der Zunge liegen Festmähler himmlischer Genüsse. Alles wabert, alles fließt, alles macht Sinn (ja, macht – nicht hat). Ist beflügelt und lebt. Das ist Liebe. Für jeden anders – für jeden gleich. Gefühlt einzigartig, aber jedem Menschen bekannt. Solche orgasmusähnlichen Gefühle werden nur wenigen, anderen Drogen nachgesagt – und die könnte man sich zumindest kaufen.

Das berühmte Käfer-Lied

Liebe kann man nicht kaufen. Ein Satz, der oft bestritten wird und doch irgendwie wahr ist. Er wiegt besonders schwer, wenn wir uns fast alles kaufen können. Nach Lust und Laune können wir jederzeit alles bekommen: vom Lieblingsessen, über Wohnungseinrichtung, bis hin zu Wellnessmomenten. Impulsgesteuert rennen die Menschen durch die Welt und haben durch ständige Konsumangebote Geduld verlernt. Wenn nicht jetzt, wann denn dann?

Doch was, wenn aus diesem Ningeln tiefe Wehmut wird? Wenn Liebe vielleicht gar nicht vorhanden ist? Wir können doch alles haben, konsumieren, besitzen. Aber Single sein – unfreiwillig – und auf eine Partnerschaft, warten, hoffen, sie aktiv suchen und doch nicht wirklich aktiv finden können? Quälende Zeiten, für jene, die Liebe nur in Partnerschaften finden können, und sich mit der eigens festgefahrenen Lebensplanung Tor-Schluss-Panik einhandeln. Vor allem, wenn das soziale Umfeld die eigenen Pläne zu verwirklichen scheint, und sich allmählich ein erwürgendes Gefühl von Neid und Selbstzweifel aufdrängt.

Er-Leuchtung

Wenn sie dann nun doch einmal vorbeikommt – die Liebe – und diesen intensiven Rausch mit sich bringt, diese trügerische Perfektion, diesen Anschein von Vollkommenheit, so süß und verheißungsvoll, sind wir der beste Mensch, der wir nur sein können: stets gut gelaunt, immer freundlich, spontan und tief entspannt. Unser Verständnis scheint endlos und dabei sind wir ganz selbstlos und jederzeit zuvorkommend, immer attraktiv und anziehend. Ja, im verliebten Zustand sind wir geradezu perfekt, ganz ohne den kleinsten Makel. Vollkommen. Und unmenschlich. Die süßen Schmetterlinge versklaven uns. Lassen uns ein Fremdbild aufbauen, das der Realität niemals standhalten könnte. So tut sich nach der illusorischen Intensivphase, voller Überinterpretationen, Selbstbetrug und verschobener Wahrnehmung, die Wirklichkeit auf. Und so stellen beide schockiert fest: Du bist nicht so, wie ich dich sah. Doch wer kann dieser Maskerade schon entfliehen? Gegen die hormonelle Allein-Herrschaft kommt kaum jemand an. Und wenn, dann nur mit selbst-aufgezwungener Distanz – unecht, synthetisch und wenig wirkungsvoll.

Angstesangst

Wenn die erste Verfälschungserkenntnis überstanden sein sollte, zieht mit der erhofften Glückseligkeit aber auch ein ganz anderes Gefühl auf: Verlustangst. Was, wenn diese Liebe wieder entschwindet? Was, wenn sie kaputt geht, zerbricht oder sonst eine irreparable Objekt-Eigenschaft aufweist? Wie ein fragiles Ding, das bei der kleinsten Unachtsamkeit ruiniert und nicht wiederherstellbar ist. Dann beginnt das Bangen, das Krallen, das Klammern und Erdrücken. Ein egoistisches Nicht-Loslassen-Können öffnet der Unvernunft Tür und Tor. Nackte Angst vor dem Allein-Sein und vor dem Versiegen des schönen Flimmerns zwängt uns einen immensen Druck auf, den eine Beziehung nur selten aushält.

Plötzlich Käfersaft

Oh, und wie nahe liegen doch Liebe und Hass. Wenn sich die Liebe unerwartet wandelt, landläufig „zu Ende geht“ und die Liebenden sich „trennen“ müssen, zerreißen sich nicht nur Beziehungen, sondern auch ganze Menschen. Verdrängung und Uminterpretieren ist angesagt: Ein- und derselbe Mensch wird dann vom „Traumpartner“ zum „Arschloch“ umgedacht. Wut und Sehnsucht, Enttäuschung und Hoffnung vermischen sich zu einem undurchsichtigen Chaos, das den Verstand völlig einnebelt und einen verantwortlichen Umgang mit der Situation unmöglich macht.

Von Truthähnen und Affen

Der kalte Entzug ist der schwerste. Dagegen gibt es kein Rezept, keine Linderung, kein Methadon. Der Versuch, auf andere Menschen auszuweichen, Ersatz zu suchen, mitten im Sehn-Süchten, ertränkt den Schmerz nur kurz und zurück bleibt das gleiche Gefühl – nur noch fader und grauer. Da werden gefühlte Todesqualen ausgestanden und unendliche Sehnsucht erlitten. Die Psyche manifestiert sich körperlich: Appetitlosigkeit, Übelkeit, sogar Essenverweigerung, über Zittrigkeit, Schwächegefühl und Apathie, bis hin zu schlaflosen Nächten mit zyklischen Weinkrämpfen und schier endlosem Herumgewälze. Das, was Verliebte da durchstehen, ist unsägliches Leid, das unbestritten eines der tiefgehendsten Erlebnisse im Leben ist.

Wundheilung

Dabei geht es vor allem um eines: Zeit schinden. Denn sie heilt wahrlich Wunden und jede umgebrachte Minute, ist eine gewonnene. Von Tag zu Tag wird es besser. Die Wirkung lässt allmählich nach, der Körper entwöhnt sich wieder und regeneriert. Die Lebensgeister erwachen langsam und atmen wieder auf. Die Tage werden erträglicher. Zurück bleibt schleichende Gleichgültigkeit und die Angst vor neuen Enttäuschungen und Verletzungen, die nicht selten in den Satz „ich werde mich nie wieder verlieben“ münden.

Der Heiße-Herdplatte-Effekt

Doch obwohl diese Zeit eine der unerträglichsten ist, bleibt die Rückfallquote enorm hoch. Eine Abhängigkeit, in die Menschen sich sogar bewusst hinein begeben. So verbrennen sich viele immer wieder die Finger und können trotzdem einfach nicht von der heißen Versuchung lassen. Unglaublich. Wirklich? Mit der Liebe ist es doch wie mit allen anderen Drogen: Sie erfordert einen verantwortungsvollen Umgang. Es gibt keine Garantien, keine gültigen Versprechungen, kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Und vor Verletzungen kann man sich nicht schützen. Und sich vor neuer Liebe ganz zu verschließen, völlig darauf zu verzichten, wäre unvernünftig. Denn verdammt, wer will schon ein so unvergleichbares Gefühl verpassen?

2 Kommentare zu “Wenn die Schmetterlinge sterben

  1. Sprachlich und seelisch tief berührt und mit den Erinnerungen alleingelassen:)
    Großartiger Artikel – ich will mehr lesen!!!

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