Blinde Bäume im Wald

• In jedem Berufsfeld gibt es Menschen, die sich wahrlich berufen fühlen: Sie verrichten ihre Arbeit überaus pflichtbewusst, mit ungebrochenem Ehrgeiz und vollstem Engagement. Dieser Einsatz kann aber stellenweise in einer gewissen Engstirnigkeit gipfeln. Jene führt dann dazu, die eigenen Arbeitsbelange als weltwichtigste Angelegenheit zu betrachten und den Bezug zur Realität zur Gänze zu verlieren. Besondere Risiko-Gruppe: Orthografen. Wollen besonders kühne Menschen diese darauf aufmerksam machen, sollten sie sich tunlichst in Acht nehmen. Denn: Sprach-Puristen verstehen absolut keinen Spaß.

Zwiebelfisch vs. sick of Sick

Die Deutschmäkelei wurde mit selbst ernannten Sprachexperten wie Bastian Sick vollends salonfähig. In spitzfindigen Kolumnen und Rundumschlagsbüchern wurde so richtig über die ach so dummen Schreib- und Sprachfehler abgelästert. Das erhellte und reizte die Gemüter auf beiden Seiten: Lektoren und Duden-Dogmatiker auf der einen, Linguisten und Sprachforscher auf der anderen. So meldeten sich Linguisten wie André Meinunger bald zu Wort und wollten den Orthografen endlich erklären, was Sprache eigentlich ist und wie sie wirklich funktioniert: nämlich dynamisch und alles andere als normiert.

Die Ritter der deutschen Sprache

Denn beim Thema „Sprachpflege“ kommen oft polemische Wendungen zum Einsatz: Da wird der heimische Wortschatz von fremdsprachlichen Wörtern überschwemmt oder grammatischen Fällen droht gar der Tod. Und mit der Sprache ist gleich die gesamte Kultur vom Werteverfall bedroht. Das muss doch verhindert werden! Irgendwer!? So hilf er doch! Und da kommen eben jene Hüter der deutschen Sprache ins Spiel. Orthografen und Lektoren walten mit dem Duden in der einen und dem Rotstift in der anderen Hand ihres Amtes. Heldenhaft und erheben bringen sie den Unbelehrbaren rechtes Schreiben bei. Oberlehrerhaft wird getadelt, gelacht und aufgeregt. Mit erhobenem Zeigefinger pochen sie ganz patriotisch auf die Regeln der gelben Bibel und merzen mit abschätzigem Lächeln die immer gleichen und deshalb umso ärgerlicheren Rechtschreibfehler aus.

Doktor, das Deutsche stirbt!

Von Text zu Text werden fehlerhafte Zeilen zu „Katastrophentexten“ ernannt. Nicht normgerecht gesetzte Satzzeichen werden zu Symptomen einer ernsthaften Krankheit, auch „Apostrophitis“ genannt. Herrje, wie krank kann der „Organismus Sprache“ durch ignorant randalierende und jetzt auch noch virale „Rechtschreibschwache“ werden? Puristen mahnen, das Deutsche habe keine Erkältung mehr, nein, es krankt und liegt bereits auf dem Sterbebett. Durchfressen von fremden Parasiten, geschändet von Stümpern, die nicht richtig damit umzugehen wussten.

Sprachdynamik

Doch Entwarnung: Dass sich Sprachen verändern bzw. von den Sprechern angepasst werden, ist vollkommen normal – und ungefährlich. Sprachen müssen auf an die Anforderungen und Gegebenheiten des Alltags abgestimmt werden. Und nur das, was auch wirklich gebraucht und  genutzt wird, setzt sich am Ende auch durch. Deswegen hat es auch das aufoktroyierte Wort „sitt“ für „nicht mehr durstig sein“ nicht in die Alltagssprache geschafft – auch wenn es in der heiligen Duden-Schrift steht. Und ganz wichtig: gesetzlich normierte Schriftsprache ist etwas ganz anderes als das gesprochene Wort – das, womit wir tagtäglich kommunizieren, uns austauschen und verständigen. Und was Einflüsse aus anderen Sprachen angeht: Vor allem das Deutsche weiß mit Einflüssen aus anderen Sprachen grandios umzugehen und braucht sich mit etwa 90 Millionen Sprechern nicht um einen Sprachentod Sorgen zu machen.

Ich irre – also bist du

Dabei haben diese Rechtschreibgleichgültigen auch ihre Existenzberechtigung. Diejenigen, denen es schlichtweg egal ist, lernen eben einfach nicht aus. Ist doch ihr gutes Recht. Und darüber können Berufsgruppen wie beispielsweise Lektoren doch nur froh sein. Statt sich zu fragen, warum die Leute das nicht in der Schule richtig lernen oder sich über ein und dieselben Fehler zu ärgern, sollten sie für ein so breites und nicht existenzbedrohtes Arbeitsfeld dankbar sein – sichert es ihnen doch die Arbeitsgrundlage. Und im Idealfall: mehr Fehler – mehr Aufwand – mehr Geld. Doch trotzdem keimen vor allem im Berufsfeld der Lektoren Wut und Ärger auf, sodass sie regelmäßig mal richtig Dampf ablassen müssen.

Arroganz und Ärger

Und dabei schimmert ein stark wertender, aber stets verleugneter Unterton durch, bei dem eben auch ein gewisses Maß an Überheblichkeit mitschwingt. Da werden hinter vorgehaltener Hand „dumme“ Kommafehler oder falsch gesetzte Apostrophe belächelt, mit allerhand germanistischen Fachtermini um sich geschmissen, Aber vor allem unter seines gleichen sind Sprachhüter besonders bissig: Da gibt es unterschwellige Machtkämpfe, wer auf Webseiten, in E-Mails oder Kommentaren wohl Fehler gemacht hat, auf die dann ganz weisungspflichtig und gönnerhaft hingewiesen werden. Jedes geschriebene Wort wird zum Aushängeschild. Lektoren dürfen sich einfach keine Fehler erlauben. Sonst stehen sie gleich im Verdacht der „Inkompetenz“. Und so traut man sich kaum noch, schnell eine Nachricht zu schreiben, ohne sie danach auf Tippfehler zu überprüfen.

Dem Wald seine verstockten Bäume

Durch jahrzehntelange Rechtschreibarbeit kann man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. So entsteht eine gewisse Betriebsblindheit, bei der mehr der Ärger über den Arbeitsaufwand bleibt, als eine objektive Sicht auf den eigenen Arbeitsgegenstand. Sprache ist das eine, Orthografie das andere. Solange das, was der Text aussagen will, verständlich bleibt, ist alles andere nur reine Normierungssache. Und Orthografen sind vordergründig für die Anwendung gesetzlich festgelegter Normierungen zuständig. Regeln, die der ein oder andere eben nicht so weltwichtig findet. Doch die meist selbst ernannten Wächter der Rechtschreibung lassen sich ab und an dazu hinreißen, sich über mindere Kenntnisse, Ignoranz, scheinbaren Sprachverfall und auch nur kleinste Fehler abfällig zu äußern – und sich damit eben über andere zu erheben. Und dazu haben sie einfach nicht das Recht.

Ein Kommentar zu “Blinde Bäume im Wald

  1. Ein toller Artikel! Ich finde mich vor allem im Abschnitt über das Prüfen von Tipp-Fehlern wieder und stimme deiner dynamischen Definition von Sprache vollsten Herzens zu :-) Ich hoffe, bald mal wieder was neues von Dir zu lesen.
    Beste Grüße,
    Tobias

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