Das Maß der Liebe

• Liebe wird an vielerlei Dingen gemessen: Selbstaufgabe, Eifer- und Sehnsucht sowie Enthaltsamkeit – emotional wie körperlich. Diese Zeichen der Liebe – mal als mehr, mal als weniger wichtig empfunden – sollen ihre Beständigkeit versichern. Lässt etwas davon nach oder verlagert sich, fällt das Maß unter das notwendige Maximum – die Grundlage für das, was landläufig als „zusammen Sein“ bezeichnet wird. Die zwingende Folge: Trennung. Ein Leben am Limit.

Exklusivität

Grundbedingung für eine herkömmliche (monogame) Beziehung ist Exklusivität – sprich Enthaltsamkeit, auch Treue genannt. Bahnt sich „was Ernsteres“ an, kommt bald folgende Frage auf: Treffen wir noch Andere? Oder besser gesagt: Wollen wir noch Andere treffen? Denn die emotionale Exklusivität – das sexuelle wie geistige Desinteresse an anderen Menschen – ist Indikator für tiefer gehende Gefühle. Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch auch: Lässt diese als ganz natürlich angenommene Ausschließlichkeit ab, heißt es, dass da nicht mehr genug Liebe ist. Und genug heißt hier: für die Bezeichnung „Beziehung“ nicht ausreichend. Für die einen ist Sex mit anderen ein Grund, an den Gefühlen (oder viel mehr an deren Intensität) des Gegenübers zu zweifeln. Für die anderen reicht der bloße Gedanke an sogenanntes „Fremdgehen“.

Der Zwang zur Angst

Und sollte so eine Konkurrenzsituation eintreten und der Gegenüber zeigt wider erwartend keine Eifersucht, keine Angst, den geliebten Menschen zu verlieren, wachsen ebenfalls Zweifel an seinen Gefühlen. Wie Tolkiens Gollum sollen sich Liebende permanent um einander, den heiligen Schatz, sorgen, ihn völlig wahnsinnig nicht aus den Augen verlieren, nie loslassen und andere Besitzer (!) vertreiben – und vielleicht sogar umbringen. Ein Mangel an Verlustangst wird mit einem Mangel an Liebe gleichgesetzt.

Superlative Scheuklappen

Was wird also getan? Andere Menschen werden ausgeblendet. Sie dürfen weder als attraktiv noch in irgendeiner Weise besser als der geliebte Mensch empfunden werden. Der ist das Höchstmaß der Dinge: bei Unterhaltungswert, Attraktivität, Gefühlen. Sollte eine andere Person in nur einem Punkt über diesem Höchstmaß liegen, ist das ein schlechtes Zeichen für die Beziehung und ihrer Grundlage: die Liebe – die Superlative. Das Maß aller Dinge. Und das gilt nicht nur für aktuelle Verhältnisse. Auch Freunde oder ehemalige Beziehungen dürfen nicht drüberstehen. Denn die Liebe muss sich von Beziehung zu Beziehung weiterentwickeln. Rückschritte werden da nicht in Kauf genommen. Die Liebe soll und muss immer über allem stehen.

Selbstaufopferung

Auch über den eigenen Bedürfnissen. Selbst die Zeit für sich selbst wird stellenweise geneidet. Warum Zeit allein verbringen, wenn man doch die große Liebe bei sich haben kann und doch ständig will? Unverständnis für die ungewohnte Freiheitsliebe (schon fast wieder eine Art Untreue!). Als selbstverständlich gilt also, die eigenen Bedürfnisse zurückzustecken (wo sie doch ohnehin schon auf den Partner verlagert wurden) – erhabene Selbstaufgabe für die Liebe. „Du musst das doch aber für mich tun, weil du eben mein Freund bist“ oder „als meine Freundin wäre es doch deine Pflicht!“ Da werden Erwartungen zum Zwangsmittel.

Monokultur

Selbstverständlich kommt es bei zwischenmenschlichen Beziehungen vor allem auf Kommunikation an, auf Aushandeln und Kompromisse – aber zur Zufriedenheit beider Parteien. Einfach aus kulturell aufgesogenem Usus heraus von vornherein zu erwarten, dass der Gegenüber sich auf einen einstellt, weil er eben liebt, ist vermessen. Liebe ist kein Blanko-Scheck. Und eben jene unterschwelligen Erwartungen sind pures Gift für ein harmonisches Miteinander. Und das geht nicht ohne den Einzelnen. Viele Verhaltensweisen sind als egoistisch verschrien – eine ausschließlich negative Interpretation eines doch im Grunde gesunden Verhaltens. Sich um sich selbst zu sorgen, Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen, sich selbst darum zu kümmern, glücklich und zufrieden zu sein, und eben nicht den Partner dafür zuständig und damit – völlig egozentrisch – verantwortlich für die ganz eigenen Befindlichkeiten zu machen. Dann ist Liebe doch nichts anderes als eine fatal egoistische Absicherung, eine vertraglich zugesicherte Vorsorge für den heranrückenden Lebensabend, besiegelt mit Ring, gemeinsamen Gen-Pool und finanzieller Zusammenlegung beider Haushalte.

Grenzgang

Und so wandern Liebende auf einem schmalen Grat, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Die Bedingungen für die Liebe sind so engmaschig, dass ein nur minimales Unterschreiten ihres Höchstmaßes zu ihrer Infragestellung führt – und damit zum Ende der Beziehung. Das zeigt sich auch in sogenannten On-Off-Beziehungen oder serieller Monogamie. Ex-Partner werden ausgemustert und das Bild folgenlos auf neue Lieben übertragen. Kein Wunder, dass einige Beziehungen so unter Strom stehen, dass es oft kracht, Misstrauen auf der Tagesordnung steht und die ständige Verlustangst Harmonie von vornherein im Keim erstickt. Und was viel schlimmer ist: tiefe Verletzungen und ein menschlicher Verschleiß, bei dem zahlreiche, einst geliebte Menschen unter die Räder der Liebe geraten – Kollateralschäden im Kampf um die ach so große Liebe des Lebens.

2 Kommentare zu “Das Maß der Liebe

  1. Die gefährlichen Superlative. Wo wir uns doch so um Diskussions- und Kompromissbereitschaft selbst erziehen, darf es sie in unseren eigenen vier Kopfwänden nicht geben, wenn es um den einen Ring, den einen Schatz geht. Dabei macht Monokultur doch den Boden bekanntlich kaputt. Der verfestigt sich und die nächste Flutkatastrophe kann ungehindert über die Lande schwemmen.
    Danke Sophia.

  2. Wir alle waren schon einmal an genau dem Punkt, den du so treffend beschreibst. In einer unmisslichen Lage zwischen Unsicherheit und Selbstaufopferung.
    Für mich besonders treffend und hilfreich sind deine Kommentare über die Superlative in der Liebe, um die man nicht herum zu kommen glaubt, dabei ist doch nichts verwerfliches daran, den Waschbrettbauch des Topathleten im TV ansprechender zu finden, als den Waschbärbauch des Partners auf dem Sofa.
    Ich stimme auf jeden fall zu, dass es am Ende um Kompromisse und effektive Kommunikation geht.

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