Die Ketzer der romantischen Liebe

• Kaum ein Thema ist derart überfüllt mit Gefühlen, Erwartungen und emotionalen Abgründen wie das der Liebe. Es spaltet Menschen in Optimisten und als Realisten getarnte Pessimisten, trennt den Philan- vom Misanthropen. Dabei erinnern die Belange des Konstrukts „Liebe“ an tiefreligiöse Grundsätze. Denn ganz entscheidend scheint dabei vor allem eines zu sein: der Glaube – der beständige Glaube an diese eine, diese einzig(st)e, diese wahre Liebe. Und die vom Glauben Abgefallenen sind bemitleidenswerte Ketzer, die  es zu bekehren gilt…

„Ich habe den Glauben an die Liebe verloren.“

Das Bild eines religiös anmutenden Glaubens an die große Liebe wird in unserem Kulturkreis, wenn nicht sogar überall auf der Welt, unreflektiert kultiviert. Gläubige begegnen Abtrünnigen mit Mitgefühl und sogar Mitleid und deuten gleichzeitig mit verständnisvoll wissendem Blick darauf hin, dass doch all das Leid – wie auch bei Hiob – einen Sinn hat. Denn erst das scheinbare Scheitern führe die Irr-Gläubigen wieder zurück auf „den richtigen Weg“ – hin zur wahren Liebe. Die wartet dann auf die armen Sünder wie zueinander passendes Kochgeschirr – wenn, ja wenn sie doch nur weiter glauben würden. Denn die nächste Liebe, die ist es dann ganz bestimmt – der Richtige oder die Traumfrau. Und wenn diese aufgestapelten Erwartungen dann doch – wieder mal – enttäuscht werden, ist es dann aber ganz sicher die übernächste. Diese jeglicher Vernunft und Logik zuwiderlaufende Naivität verlangen sonst Sekten ihren Mitgliedern ab.

„Du vervollständigst mich!“

Die Lebenserfüllung über das Finden des oder der Richtigen ist für viele Menschen eine, wenn nicht sogar die zentrale Säule im Leben. Sie gibt Halt und verspricht Vervollkommnung und Ausgeglichenheit, Frieden und Glück. Die romantische Liebe ist ein Ideal, das mit Worten wie Seelenverwandtschaft, Ewigkeit und Schicksal einhergeht. Sie versteht zwei Menschen als Komplemente, die erst gemeinsam ein vollständiges Ganzes bilden können – also für sich allein nur fragmentarisch sind. Eine einzige Person soll also persönliche Glückseligkeit versprechen und dafür bis zum Lebensende Sorge tragen. Blindes Verständnis, permanentes Begehren und selbstlose Aufopferung sind ganz selbstverständlich. Derartige Beziehungen haben und brauchen immer ein bestimmtes Ziel: die gemeinsame Wohnung, Kinder und Hochzeit – Reihenfolge variabel – frei nach dem Motto: glücklich werden, statt glücklich sein.

„Ich brauche dich.“

All das kann der reale Alltag nur überstrapazieren. Solch hohe Ansprüche sind, –ganz objektiv gesehen – vollkommen unrealistisch und damit schwere Enttäuschungen vorprogrammiert. Eine Partnerschaft als persönlicher Glücksgarant fußt auf einer verheerenden Erwartungshaltung und zieht damit schnell ungerechte Vorwurfsszenarien nach sich: „Du bist für mein Glück zuständig und wehe du investierst nicht genauso viel wie ich! Denn ich gebe so viel für dich auf, aber was hast du denn mal für mich getan?“ Solche Konflikte erinnern eher an ein vertragliches Abhängigkeitsverhältnis als an Liebe aus freien Stücken. Da weicht Zuneigung gegenseitiger Missgunst und Liebe wandelt sich zu Hass, mit emotionalem und körperlichen Liebesentzug als Strafmaßnahme. Aber Hauptsache, man ist nicht allein. Und während der heimische Kleinkrieg vor sich hin lodert, werden die einsamen Singles trotzdem nur müde belächelt.

„Ich liebe dich.“

Liebe ist ein wunderbares Geschenk. Noch immer nicht von der Wissenschaft bis zur Gänze entschlüsselt, ist sie doch mehr als nur ein programmiertes Spiel von Hormonen und körperlichen Prozessen. Dass sich zwei Menschen zur selben Zeit mit der annähernd gleichen Intensität ineinander verlieben, scheint so geradezu unmöglich. Etwas, das sich in der heutigen Konsumgesellschaft nicht so einfach steuern und kaufen lässt, bekommt zwangsläufig einen unschätzbaren Wert. Einem so glücklichen Zufall kann und sollte man sich nicht verschließen. Das Erwartungskonstrukt allerdings, das so selbstverständlich mit der Liebe einhergeht, sollte sichtbarer sein. Wie viele Menschen quälen sich unglücklich herum, weil sie nur in starren Kategorien denken, leben und lieben können. Zwischenmenschliche Beziehungen sind einzigartig, jede auf ihre ganz eigene Weise, und damit vielfältiger als es Kategorien wie „m-/ein Freund“ zulassen. Ob Familie, Freundschaft oder Partner-„Bindung“ – eine scharfkantige Einordnung beschneidet die Facetten jener Verbindungen und übt auf alle Beteiligten unnötigen Druck aus. Gefühle sollten atmen und fließen können – unbeeinträchtigt von Erwartungen.

„Ich liebe dich auch.“

Eine Auflösung dieser Kategorien verfolgen alternative Liebeskonzepte wie beispielsweise die Polyamorie. Nicht nur einen Menschen lieben zu können, ist vielleicht nicht für jeden möglich, andererseits sollte es auch nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Jeder Mensch sollte für sich selbst herausfinden, was glücklich macht – unabhängig von anerzogenen Denkschienen. Sicherlich gibt es Paare, die jahrelang glücklich in einer monogamen Beziehung leben. Keine Frage! Doch wie ehrlich sind diese Menschen zu anderen, zu sich selbst, abseits von Gewohnheit und Pflichtbewusstsein? Wie zufrieden sind diese Menschen wirklich in ihren Beziehungen und wie oft wird so manche augenscheinliche Treue gar nicht eingehalten? Wie selbstlos kann eine Partnerschaft sein, welche die Qualität der Liebe über Verzicht und Exklusion bemisst? Ein „ich liebe dich“ sollte nicht für die hoffnungsgezwängte Erwartung des eigenen Lebensglücks stehen. Es sollte selbstlos und frei ausgesprochen werden. Es sollte ein Geschenk sein – eines, für das nichts zurückerwartet wird.

2 Kommentare zu “Die Ketzer der romantischen Liebe

  1. Man kann sich nicht verlieben wollen. Man kann sich auch nicht selber kitzeln. Somit sind Argumente wie: meistens passiert es dann, wenn man es am wenigsten erwartet, unzweckmäßig. Es passiert ja auf keinen Fall, wenn man es erwartet. basta

  2. Liebe= Egoismus, Erwatungen und Selbstverdränung

    Viele Menschen, die darauf warten endlich die große Liebe zu finden, machen ein und den selben Fehler: Sie nehmen fälschlicherweise an, dass sie nur mit dem passendes Gegenstück ( sei es Mann oder Frau) glücklich werden können.
    Doch so eine große Erwartung, die wir an einen anderen stellen, den wir noch nicht einmal kennengelernt haben, ist früher oder später unumgänglich zum Scheitern verurteilt.
    Es geht nicht darum, jemanden zu finden, der uns auf „Teufel komm raus“ glücklich macht, sondern, dass wir uns selbst glücklich machen !
    Liebe dich selbst !
    Wir ganz allein sind dafür verantwortlich, dass wir uns glücklich fühlen.
    Ein Mensch den ich liebe, sollte nicht mein Leben sein, er sollte nur daran teilhaben dürfen! Es ist unglaublich egoistisch von uns, die ganzen Erwartungen, die wir eigentlich an uns selbst richten sollten (doch praktisch unmöglch zu befriedigen sind), einfach auf einen anderen Menschen abzuwälzen, nur um nicht schmerzlich zu bemerken, dem selbst nicht eimal gewachen zu sein und zu scheitern.
    Ist es doch viel einfacher zu sagen „der Andere“ !
    Wie soll eine fremde Person, mit anderem Charakter, Vorlieben, Lebenserfahrungen und Gewohnheiten unsere eigenen Erwartungen und ganz persönlich und individuell wichtig oder unwichtig deklarierten Dinge jemals erfüllen, wenn wir es selbst noch nicht einmal schaffen ?!
    Warum versuchen wir zwanghaft einem Jemand hinterherzujagen, der genau so ist wie ich?!
    Was ist das tolle, genau so zu sein wie ich ?
    Ist es denn nicht viel spannender einen „mir nicht ähnlichen Menschen“ kennen und lieben zu lernen, an seinem Leben teil zu haben, der mir neue Dinge, Sichtweisen und Möglichkeiten zeigen kann und ich ihm ?!
    Wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, nur dann bin ich offen für andere und bereit Liebe zu empfinden.
    Denn meistens passiert es dann, wenn man es am wenigsten erwartet !

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