Fernsehen und Wirklichkeit

• In der medialen Welt wimmelt es nur so vor Theatralik. Ob Soap-Serien, Spielfilme oder bemüht nüchterne Berichterstattung – das obligatorische Drama darf nie fehlen. Denn durch jahrzehntelange Fernsehgewöhnung langweilen sich die geneigten Schau-lustigen schnell. Da muss schon echtes Gefühl rüberkommen: über packende Geschichten, mitreißende Schicksale und herzzerreißende Familiendramen. Weniger lässt das Flimmerprogramm von heute nicht zu. Was als simpler Nachahmungsversuch der Wirklichkeit begann, spitzte sich zu einem Übertreibungsapparat zu, dessen abgebildeten Inhalte Auswirkungen auf unsere eigene Realität haben.

Die Fernsehmacht

Mit dem Fernseher fand ein Medium in fast jeden Haushalt Einzug, das einen immensen Einfluss hat. Bis zu vier Stunden täglich sorgt der Fernseher für Dauerbeschallung. Bei einigen läuft er sogar ganz nebenbei von morgen bis abends als zuverlässiger Einsamkeitsvertreiber. Doch selbst da nimmt unser Gehirn mehr Informationen auf als wir tatsächlich wahrnehmen. Der mediale Müll aus hyperaktiver Reklame samt Ohrwurm-Werbe-Jingles verschmilzt mit stumpfsinnigen Reality-Shows und mischt sich dabei ganz selbstverständlich mit brutaler Nachrichtenkost. Dieser Reizmix verstopft zwangsläufig unsere Nervenbahnen. Wen verwunderte es da nicht, dass das Fernsehen weitaus mehr Auswirkungen hat als bloße Meinungsmache und soziale Trägheit.

Teufelskreis

Zu Beginn hat das Fernsehen versucht, Realität abzubilden. Das ist aber nur mittels Vereinfachung möglich. Das Verheerende ist ein allmählich einsetzender Wechselprozess: Die Realität sieht fern, sieht sich im scheinbaren Spiegel des Fernsehens, und glaubt, Wirklichkeit zu sehen und damit Wirklichkeit zu sein. Diese Realität ist aber nur vereinfachte Abstraktion. Nichtsdestotrotz vergleichen die Menschen vor den Flimmerkisten das Gezeigte und Gesehene mit dem eigenen, dem realen Leben – und ahmen nach. Damit beginnt ein Teufelskreis: Denn Traurigkeit ist nicht mehr Traurigkeit, wenn keine Tränen zu sehen sind. Schmerz ist kein Schmerz, ohne Blut und wuchtige Gebärden. Liebe ist keine Liebe, ohne große Gesten und übertriebene Edward-und-Bella-Romantik. Übertriebenes wird für das Publikum gewöhnlich und damit langweilig, sodass das Fernsehen nachlegen muss, um authentisch zu „bleiben“ und um die Einschaltquoten zu halten.

Extreme in Themen, Situationen und Verhalten

Bei dem scheinbar unendlichen Sende-Angebot gewinnen nur die tabubrechenden und die ungewöhnlichsten Themen die meisten Quoten. So hat sich die Fernseh-Themenlandschaft zu einem wahren Gebirgszug entwickelt, der nur extreme Höhen und abgründige Tiefen kennt. Vertrackte Familienverhältnisse, Vielecks-Beziehungen und plötzliche Enthüllungen gehören ebenso zu den thematischen Standards wie die Todesnachricht, ein uneheliches Kind oder die unglückliche Liebe, die dann doch erfüllt, wieder enttäuscht, erfüllt und wieder gebrochen wird. Diese zugeschusterten Situationen führen dann bei den betreffenden Figuren zu Nervenzusammenbrüchen, Selbstmord-Versuchen (!) und anderen (un)erwarteten Extrem-Reaktionen.

Teleshopping: gratis Verhaltensschablonen

Damit stellt das Fernsehen Verhaltensvorlagen für beinahe jede Situation, die dann die eigene Gefühlswelt prägen. Denn wir werden in Daily-Soaps und Konsorten unaufhörlich mit stereotypischen Situationen bombardiert. Romantische Abziehbilder und dramatische Krisenszenen lassen sich dann nicht mehr nur in TV-Liebes-Plots wiederfinden: Sie rennt nach der Entdeckung seines Fehltritts aus dem Zimmer, er ihr natürlich wildrufend „Warte doch! Es ist nicht das, wonach es aussieht!“ hinterher. Er holt sie ein, sie beginnt hysterisch rumzuschreien, rutscht an einer Wand langsam nach unten und bricht in der Hocke schluchzend und zitternd in Tränen aus. Daraufhin umarmt er sie, redet auf sie ein, will sie trösten, entschuldigt sich tausendmal. Dann umfasst er mit den Händen ihr Gesicht, schaut ihr tief in die Augen, beteuert, wie sehr er sie doch lieben würde, und wie aus heiterem Himmel beginnen beide, sich zu küssen und leidenschaftlich zu lieben – und „Schnitt!“ – die Szene ist perfekt! Aber wie realistisch ist sie dabei noch?

Taubheit und Verwässerung

Melodramatik, Übertreibung und Theatralik sind die Essenzen der Programmgestaltung, sonst spürt der Mensch vor dem Bildschirm nichts. Der spürt ohnehin kaum mehr etwas, denn reale, normale Gefühle entsprechen ja gar nicht dem grenzgängerischen TV-Abbild und sind viel seichter im Vergleich zu der Leben-oder-Tod-Dramatik. Und somit nicht (mehr als) echt (gesehen). Die permanente Übertreibung stumpft ab und so verlieren Worte ihre Glaubwürdigkeit. Es muss immer etwas passieren, etwas sicht-bar sein und damit sichtbar werden. Die Nebenwirkung der Realitätsverdichtung ist eine Realitätsverwässerung. Theatralik wird zu Normalität.

Authentizität durch Körperflüssigkeiten

Dabei transportieren sich Gefühle nicht mehr über authentisches Schauspiel. Mitgefühl wird nur noch durch sichtbare Signale wie beispielsweise Tränen und Blut ausgelöst. Diese sind zu primitiven Symbolen verkommen, die an die Stelle von echten Emotionen getreten sind. Ohne diese Zeichen ist eine Empathie von Zuschauerseiten gar nicht mehr möglich. Fließen da nicht heiße Tränen, fehlt der Szene schnell die nötige Glaubwürdigkeit und Intensität. Eine Schlägerei wird erst durch beigefügtes Kunstblut so richtig echt und gefährlich. Übelkeit, Ohnmacht und Krankheit wirken erst über Nasenbluten oder die mehr oder weniger explizite Darstellung von Erbrechenden oder Erbrochenem bedrohlich. Und wenn Sport dargestellt wird, durchweicht das aufgesprühte Schweiß-Ersatz-Wasser gleich das ganze Trainingsshirt, denn Schweiß gleich Anstrengung – erst dann kauft man dem Schauspiel den nötigen und erwarteten Einsatz ab.

Borderline

Der permanente Dauerbeschuss mit diesen pseudo-realen Situationen und den obligatorisch zur Schau gestellten Körpersäften führt zwangsläufig zu einem verschobenen Wirklichkeitsbild. Hysterische Persönlichkeitsstrukturen finden da besonders im Fernsehen ihre Berechtigung und so werden zwischenmenschliche Beziehungen mit unangemessenen Erwartungen beschwert: „Warum bist du mir nicht nachgelaufen? Wenn du mich wirklich lieben würdest, dann würdest du dein Leben für mich geben!“ The-one-and-only-Illusionen überfrachten bloße Zufälle mit einer über das Leben entscheidenden Schicksalhaftigkeit: „Deine Hausnummer ist dieselbe Zahl wie mein Geburtstag: Wir sind für einander bestimmt!“ Ein normales, angemessenes Verhaltensmaß ist da gar nicht mehr existent. Jede Kleinigkeit mündet entweder in einem Weltuntergang oder in überschwängliche Euphorie.

„Ich werde eintausend Prozent geben!“

Angesichts solcher inflationär vorkommenden Extreme, verlieren einfache Worte ihre Bedeutung und verschleißen. Bedeutungsgeladene Sätze werden so zu flachen Phrasen ausgehöhlt: „Ich werde heute alles geben, wirklich eintausend Prozent!“ oder „ich bin total am Ende!“, denn „das war mein absoluter Traum!“ Abgenutzt und verwässert fungieren diese Sätze nur noch als handliches Etikett, das man sich einfach und schnell aufs eigene Verhalten kleben kann – ganz gleich, ob sich das dann mit dem wirklichen Handeln deckt.

Die Matrix und ich

So verlieren etliche Menschen einen Bezug zur Realität und rationale Menschen werden als kaltherzig abgestempelt. Doch wie kann man nach so langer und intensiver Fernsehvergiftung überhaupt noch entscheiden, welches Verhalten nun als angemessen gilt und welches nicht? Schließlich sind Realität und Fernsehwirklichkeit nach beständiger Annäherung kaum mehr voneinander zu unterscheiden. Was ist mediale Matrix und was ist echt?

Norm

Wenn mir übel ist, ich mich aber nicht übergeben muss, geht es mir dann nicht schlecht (genug)? Wenn ich intensiv Sport mache, der Schweiß aber nicht in Bächen mein Gesicht herunterläuft, strenge ich mich dann wirklich nicht (genügend) an? Wenn ich in eine emotional aufgeladene und sehr belastende Situation komme, ich aber nicht weine, zittere oder in Ohnmacht zusammenbreche, ist diese Situation dann nicht schlimm (genug) für mich? Wie interpretieren wir unsere Emotionen, reflektieren unsere eigenen Gefühle? Was ist übertrieben und was nicht? Da bleibt am Ende nur die immer wiederkehrende Frage: Was ist eigentlich „normal“ – ein ewiger Streitpunkt, den uns das Fernsehen wohl am allerwenigsten beantworten kann.

Ein Kommentar zu “Fernsehen und Wirklichkeit

  1. Man sollte eine Liste mit solchen TV-Situationen aufstellen. „Geh weiter, ohne mich kannst du es schaffen!“

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