Das Nadelöhr Gegenwart

• Das ambivalente Phantom ‚Zeit‘ überspannt unser gesamtes Leben. Als Fluch und Segen zugleich verfolgt es unser Dasein und bleibt dabei so schwer greifbar wie kaum ein anderer Aspekt in unserer Welt. Der Mensch versucht die Zeit zu beherrschen, beobachtet sie, will sie messbar machen und ihr so den Schrecken nehmen. Tag für Tag portionieren wir den Fluss der Zeit in kleinere und größere Häppchen und mühen uns beständig ab, diese Bruchstücke möglichst weise und sinnvoll zu rationieren: Die freie Zeit nutzen und bloß nichts verschwenden! Doch wieso decken sich objektives und subjektives Zeitempfinden so selten und warum verändert sich unser Zeitgefühl im Laufe der Jahre?

Die Uhr tickt – aber wie schnell?

Der Eindruck, die Zeit vergehe mit den Jahren immer schneller, ist nicht nur unangenehm, sondern auch erschreckend. Besonders, wenn man ein und dieselbe Zeitspanne so unterschiedlich wahrnimmt: Hat man doch den Schulabschluss gerade hinter sich gebracht, und kaum erst mit einem Studium begonnen, ist dieses auch schon wieder vorbei und die jugendliche Sorglos-Zeit dahin. Doch als man noch dem großen 18. Geburtstag entgegen gefiebert hatte, zog sich die gleiche Anzahl von Jahren nur so dahin.

„Das Leben ist schon vorbei!“

Da kommen schnell Gedanken auf wie: „Wo soll das noch hinführen? Wenn das so weiter geht, bin ich morgen 50 und das halbe Leben ist vorbei!“ Kein Wunder, dass viele Menschen in Anbetracht dieses Umstandes in Panik geraten. Da finden Wörter wie „Midlife-Crisis“ ihre Berechtigung und für Menschen im hohen Alter, die ihre Vergänglichkeit gekonnt ignorieren und versuchen, ihre Jugend mithilfe neumodischer Klamotten zu konservieren, wächst das Verständnis. Aber die eigentliche Frage bleibt dabei doch: Vergehen die Jahre wirklich schneller oder empfinden wir das nur so? Und wenn ja, warum?

Das ganze Leben nach Maß

Wenn ich mich zurückerinnere, wurde ich eigentlich erst als Schulkind ernsthaft mit Zeiteinteilung konfrontiert: Morgens den Wecker stellen, rechtzeitig aufstehen und auf dem Schulweg nicht trödeln, um pünktlich zum Unterricht zu kommen. Der Tagesablauf in der Grundschule bestand –zumindest zu meiner Zeit, ja zu meiner Zeit (!) – aus wenigen Schulstunden mit je 45 Minuten. Gegen Mittag konnte ich schon nachhause gehen, wo dann, neben vereinzelten Schul- und Hausaufgaben, eine Menge Freizeit auf mich wartete. Ein ganzer Tag dauerte ewig und es gab so viel zu erleben. Mit den höheren Klassenstufen schwanden dann die geliebten freien Nachmittage. Es kamen immer mehr Unterrichtsstunden dazu – von einem Mehr an Schulaufgaben, Hobbys und Pflichten, abseits von Freunden und Familie, ganz zu schweigen. Kurz vor Schulabschluss wurde die Unterrichtszeit dann sogar auf anderthalb Stunden ausgedehnt – ganz entsprechend der Seminarlänge an der Universität. Wo mit Blockseminaren dann ganze Wochenenden die kostbare Zeit auffraßen.

Größere Zeitfenster – aber weniger Zeit

Damit zeigt sich folgende Entwicklung: Zunächst pendelt man von Tag zu Tag, ganz entsprechend des natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus. Mit den Ärgernissen in der Schule hofft man dann von dem einen Wochenende zum anderen. Mit Bankkonto und monatlichem Lohn erstreckt sich die Zeitspanne dann allmählich von Monat zu Monat. Quartalsabschnitte machen aus einem ganzen Jahr nur noch vier übersichtliche Bruchstücke und die halbjährigen Semester an der Uni strecken das Ganze dann auf sechs Monate. Und spätestens mit ganzjähriger Buchhaltung und Versicherungszahlungen beschränkt sich die Lebensperspektive auf „nur“ ein Jahr. So werden die Zeitfenster im Laufe des Lebens immer größer und das Gefühl, die Zeit fliegt vorbei, immer stärker. Wir haben durch mehr Zeit, viel weniger Zeit – paradox!

Lebenszeit in Prozent

Ein Grund für das subjektiv geraffte Zeitempfinden ist eine einfache mathematische Rechnung: Mit zunehmendem Alter verlieren die einzelnen Zeitfenster – Stunden, Tage und so weiter – ihre Gewichtung. Das heißt: Eine Stunde nimmt 0,01% der Lebenszeit eines Einjährigen ein, während dieselbe Stunde für ein zehn Jahre altes Kind nur noch 0,001% ausmacht. Also: Je älter wir werden, umso weniger macht eine einzige Stunde in unserem Leben aus.

Kognition macht Zeit

Ein weiterer Grund ist die Aufmerksamkeitsspanne: Als Kind fällt es schwer, nur fünf Minuten stillzusitzen. Aber später sind selbst fünfstündige Klausuren Normalität. Ganz davon abgesehen, dass die Zeit viel schneller vergeht, wenn man beschäftigt oder glücklich ist. Bekannte Dinge und routinierte Abläufe gehen schneller von der Hand als Unbekanntes Erfahrungen, die man zum ersten Mal macht. Und je älter man wird, desto weniger neue Sachen gibt es, die man wirklich zum allerersten Mal tun kann – man hat einfach schon viel erlebt.

Zen!

Während man also ungeduldig auf ein Erlebnis hinfiebert und gebannt in die Zukunft schaut, ist das so lang Erwartete dann auch schon wieder vorbei und man starrt auf dieses kleine Stück Erinnerung und fragt sich, wo das so flüchtige Gegenwärtige denn so schnell hin ist!? So hängt man stets zwischen nostalgischer Vergangenheit und erhofften Zukunft fest – das flüchtige Jetzt vergisst man dabei viel zu schnell. Deswegen sollten wir uns nicht damit aufhalten, ständig auf die Uhr zu starren. Denn davon vergeht die Zeit auch nicht langsamer! Wir sollten uns hingegen den Luxus einer Gelassenheit leisten und unser begrenztes Leben genießen. Und vor allem neue Dinge nicht scheuen. Denn so platt es auch klingt: Das Leben ist einfach zu kurz.

Ein Kommentar zu “Das Nadelöhr Gegenwart

  1. Ich habe ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass Zeit von der amerikanischen Autoindustrie erfunden wurde. Mit Hilfe welcher es erst möglich wurde, dem Tachometer irgendeine Sinnhaftigkeit zuzuordnen. Erst die in einer bestimmten Zeit gefahrene Strecke macht Sinn. :P

    Schöner Artikel; genau so gut strukturiert wie Deine Seite.

    Strukturiert nicht die Zeit erst den Tag? Wird der Tag durch Zeit erst Tag? Ist Tageszeit nicht reziprok widersinnig? Doppeldeutigdickheutig….^+#fnv**

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