Die Ketzer der romantischen Liebe

• Kaum ein Thema ist derart überfüllt mit Gefühlen, Erwartungen und emotionalen Abgründen wie das der Liebe. Es spaltet Menschen in Optimisten und als Realisten getarnte Pessimisten, trennt den Philan- vom Misanthropen. Dabei erinnern die Belange des Konstrukts „Liebe“ an tiefreligiöse Grundsätze. Denn ganz entscheidend scheint dabei vor allem eines zu sein: der Glaube – der beständige Glaube an diese eine, diese einzig(st)e, diese wahre Liebe. Und die vom Glauben Abgefallenen sind bemitleidenswerte Ketzer, die  es zu bekehren gilt…

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Das Maß der Liebe

• Liebe wird an vielerlei Dingen gemessen: Selbstaufgabe, Eifer- und Sehnsucht sowie Enthaltsamkeit – emotional wie körperlich. Diese Zeichen der Liebe – mal als mehr, mal als weniger wichtig empfunden – sollen ihre Beständigkeit versichern. Lässt etwas davon nach oder verlagert sich, fällt das Maß unter das notwendige Maximum – die Grundlage für das, was landläufig als „zusammen Sein“ bezeichnet wird. Die zwingende Folge: Trennung. Ein Leben am Limit.

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Ex-Konkurrenz

• Ex-Partner sind den aktuellen Partnern oft ein Dorn im Auge. Ständig konfrontiert mit der immer präsenten Vergangenheit wird jedes Indiz auf die vergangene Liebe mit Argwohn betrachtet und versucht, sie möglichst bald aus den verstaubten Regalen zu verbannen. Große Räumung ist angesagt. Der alte Beziehungsballast gehört abgeworfen. Weg mit der latenten Bedrohung, dem Maßstabs-Mahnmal einstigen Glückes. Denn es gilt: Es muss Raum für Neues geschaffen werden. Also alte Liebe raus, neue Liebe rein. Damit der alte Platz frei wird – frei für die neue Liebe. Und damit die Konkurrenz der Ex endgültig zur Ex-Konkurrenz wird.

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Blinde Bäume im Wald

• In jedem Berufsfeld gibt es Menschen, die sich wahrlich berufen fühlen: Sie verrichten ihre Arbeit überaus pflichtbewusst, mit ungebrochenem Ehrgeiz und vollstem Engagement. Dieser Einsatz kann aber stellenweise in einer gewissen Engstirnigkeit gipfeln. Jene führt dann dazu, die eigenen Arbeitsbelange als weltwichtigste Angelegenheit zu betrachten und den Bezug zur Realität zur Gänze zu verlieren. Besondere Risiko-Gruppe: Orthografen. Wollen besonders kühne Menschen diese darauf aufmerksam machen, sollten sie sich tunlichst in Acht nehmen. Denn: Sprach-Puristen verstehen absolut keinen Spaß.

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Vom glücklich Werden

• So unterschiedlich unsere Lebensziele auch sein mögen, glücklich wollen doch irgendwie alle Menschen werden – irgendwann, irgendwo, mit irgendwem. Da werden Träume geschmiedet, Vorsorgen geplant und scheinbar Unwichtiges beiseitegeschoben. Partnerschaften werden mit Erwartungen überfrachtet und Gegenwärtiges komplett vernachlässigt – alles für die Glücksutopie in ungewisser Zukunft. Da kommt die Frage auf: Lohnt sich das überhaupt?

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Wenn die Schmetterlinge sterben

• Verliebtsein ist eine der schönsten Drogen unserer Zeit. So selten, und auch deswegen so kostbar, entzieht sie sich Markt- und Absatzregeln und ignoriert sowohl die steigende Nachfrage als auch den heutigen Konsumgeist, der uns sofortige Bedürfnisbefriedigung als Selbstverständlichkeit eingeimpft hat. Impulskontrolle haben wir völlig verlernt. Und so leiden wir. Schreckliche Nächte voller unerträglicher Einsamkeit und unsägliche Sehnsüchte rauben uns den Willen, morgens aufzustehen. Und wenn es dann endlich mal so weit ist, und die Welt in einem wattebauschigen Rosarot glitzert, beginnt der panische Konservierungswahn und die Angst vor dem erneuten kalten Entzug.

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Motor der Gesellschaft

• Angst ist ein seltsam universales Gefühl. Einst ein hilfreicher Schutzmechanismus, der uns vor Lebensgefahren bewahren sollte. Heutzutage ist er aber eher ein angreifbares Phantom, das mehr im Weg steht, als uns wirklich zu helfen – besonders bei emotionalen Angelegenheiten. Da zeigt sich die dunkle Angst oftmals erst auf den zweiten Blick, von anderen Motiven und Gefühlen maskiert. So kommt sie nie allein: Meist sieht sie sich in Gesellschaft von anderen Gefühlen, wie Wut, Eifersucht und Verzweiflung. Sogar bei Liebe, Arroganz und Vorurteil lässt sich Angst entdecken. Und so drängt sich eine Frage auf: Ist Angst das Gefühl aller Gefühle, unser ganz eigener Antrieb? Und wie sähe eine Welt ohne sie aus?

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Das Spiel und seine Spieler

• Festzustellen wer, wann, warum und wie viel Schuld trägt, ist oft viel diffiziler als es den Anschein macht. Ob bei Unfällen, politischen Angelegenheiten und auch bei persönlichen Konflikten ist die Schuldfrage keine einfache. Ein wachsendes Verständnis für verschiedene Sichtweisen lässt auf beiden Seiten zumindest eine Teilschuld erkennen. Doch was ist mit komplexen Angelegenheiten wie sozialen Missständen oder gesellschaftlichen Problemen? Wer trägt da die Schuld: der Spieler oder das Spiel?

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Numerischer Horizont

• Ohne Zahlen kommen wir einfach nicht aus. Sie sind überall, umgeben uns, leiten uns und beschränken uns auch. Alles wird durch sie vermessen und eingeteilt: unser Körper, unser Geist und unser Leben. Sie bestimmen, wer wir sind. Doch dabei ist ihr Horizont äußerst begrenzt, denn die Schwarz-Weiß-Diktatur der Zahlen lässt keinen Platz für Grauzonen. Und damit absolut keinen Platz für Menschlichkeit.

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Der Kampf um Individualität

• Wenn es darum geht, wer wir sind, wie wir uns sehen oder auch gern sehen würden, kann jede noch so kleine Diskussion zum erbitterten Streit werden lassen. Meist ganz unbewusst führt eine Lappalie zu heftigen Auseinandersetzungen, weil es im Grunde darum geht, wer oder was wir sind: unsere Existenz, unsere Identität. Mit jeder Verhaltensweise geben wir ein Statement über unser Selbst ab. Und weil wir eben diese Aussagen oft ganz unbemerkt auch bei anderen bewerten, sind sie uns selbst so wichtig. Dabei wird die eigene Identität zum Schlachtfeld…

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Das Alleinstellungsmerkmal

• Facettenreich und essenziell bilden Beziehungen einen Dreh- und Angelpunkt in unserem Leben. Familie oder Freunde, Bekannte oder Kollegen, Bettgeschichte oder feste Partnerschaft – Kategorien gibt es viele. Dazu gehören jedoch auch immer Definitionen. Klare Kriterien, die genau abstecken, wer welchen Status hat, was wir füreinander sind und wie viel wir uns bedeuten. Eine Be-Wertung scheint dabei aber besonders über ein Merkmal zu funktionieren: den Ausschluss anderer.

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Fernsehen und Wirklichkeit

• In der medialen Welt wimmelt es nur so vor Theatralik. Ob Soap-Serien, Spielfilme oder bemüht nüchterne Berichterstattung – das obligatorische Drama darf nie fehlen. Denn durch jahrzehntelange Fernsehgewöhnung langweilen sich die geneigten Schau-lustigen schnell. Da muss schon echtes Gefühl rüberkommen: über packende Geschichten, mitreißende Schicksale und herzzerreißende Familiendramen. Weniger lässt das Flimmerprogramm von heute nicht zu. Was als simpler Nachahmungsversuch der Wirklichkeit begann, spitzte sich zu einem Übertreibungsapparat zu, dessen abgebildeten Inhalte Auswirkungen auf unsere eigene Realität haben.

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Das Nadelöhr Gegenwart

• Das ambivalente Phantom ‚Zeit‘ überspannt unser gesamtes Leben. Als Fluch und Segen zugleich verfolgt es unser Dasein und bleibt dabei so schwer greifbar wie kaum ein anderer Aspekt in unserer Welt. Der Mensch versucht die Zeit zu beherrschen, beobachtet sie, will sie messbar machen und ihr so den Schrecken nehmen. Tag für Tag portionieren wir den Fluss der Zeit in kleinere und größere Häppchen und mühen uns beständig ab, diese Bruchstücke möglichst weise und sinnvoll zu rationieren: Die freie Zeit nutzen und bloß nichts verschwenden! Doch wieso decken sich objektives und subjektives Zeitempfinden so selten und warum verändert sich unser Zeitgefühl im Laufe der Jahre?

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Ein Vorurteil kommt selten allein

• Vorurteile sind vielleicht nicht immer endgültig, dafür aber stets präsent. Dabei sind wir aber jederzeit fähig, zu bemerken, wenn sich wieder ein stereotypes Bild einschleicht. Dafür ist es allerdings unerlässlich, die eigene Einstellung zum Unbekannten zu hinterfragen. Dabei scheinen sich die alten Klischees aber leider immer wieder zu bestätigen. Wer schafft es schon, die entstandene Vorstellung ständig mit der Wirklichkeit abzugleichen? Meistens bleibt nur die Oberfläche zurück – aber die dann dauerhaft und umso folgenschwerer. Denn ein Vorurteil kommt selten allein…

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